Falls Village 

Nachdem ich wieder einmal einige Geröllhalden in CT bezwungen habe und schließlich wieder einmal in der Zivilisation, sprich zumindest an einer Straße gelandet bin, will ich mir eigentlich nur noch einen Schlafanzug suchen – der Plan ist einen Campingplatz zu suchen, aber wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen… 

Ich trampe in Richtung West Cornwall und werde von Jaqueline und ihrer Tochter eingesammelt (zumindest halte ich die junge Dame mit eine furchtbar nervigen, lauten,  rauhen Stimme – sie klingt wie Janis Joplin, nur ohne Lautstärke-Modulation – und einer Vorliebe für das Wörtchen ‚buchstäblich‘ vorerst dafür). Wir kommen ins Gespräch, und nachdem mir momentan sowieso jede Richtung passt, solange es nach Norden geht, bietet mir ‚Jackie‘ an in ihrem Garten zu campen, weil sie erstens selber schon Teile des Trail gelaufen ist und dieser zweitens quasi an ihrem Grundstück entlangläuft. Dennoch sind scheint sie sich noch etwas unsicher über meine Person zu sein, aber immerhin darf ich im Haus ihrer Schwester nebenan, die gerade verreist ist duschen. Am nächsten Morgen steht die Frage an wie lange ich bleiben will/kann/darf… 
Da ich recht dringend noch einigen Online- bzw. Papierkorb zu erledigen habe, den ich vor Abreise nicht mehr erledigt bekommen habe und der mir ebenso im Nacken sitzt wie er mich davon abhält mich ganz auf die Reise zu konzentrieren, nutze ich die Gelegenheit noch einen Tag zu bleiben. Dafür bietet ich Jackie an für die beiden abends zu kochen. Während ich also auf der Terrasse gemütlich in der Sonne sitze und versuche mich arbeitstechnisch in einen komplett anderen Geisteszustand einzuschwingen, was jetzt und auch die nächsten 2 Wochen so gar nicht funktionieren will, kommt Jackies Schwester Marianne mit ihrem Hund vorbei und ist so ziemlich gar nicht irritiert über meine Anwesenheit, vermutlich haben die Buschtrommeln schon gearbeitet. Wir besprechen in ihrem Haus zu kochen, das ebenfalls gleich nebenan liegt (die ganze Familie scheint hier versammelt), und ich darf ihren Computer benutzen, yippie – Zeit meinen Elektro-kram auf Vordermann zu bringen, ziemlich glaublich was ich für ein Glück habe… 

Jackie & Marianne sind sind von meiner Kreation aus in Honig glasierten Karotten mit Oregano, dunkler Sauce, Gemüse & Nudeln so begeistert, dass ich die nächsten 2 Nächte ungemütlich in einem Bett schlafe, mit Dusche gleich nebenan, einfach herrlich. Für meine Begriffe war das ein relativ einfaches & schnelles Essen, aber die Messlatte an das Futter hier ist derart niedrig angelegt, dass mich die Begeisterung nur bedingt überrascht. Am nächsten Abend gibt es Veggie-Burger mit Kartoffelgratin, während wir uns gemütlich die Abschlusszeremonie der olympischen Spiele ansehen… 

Nach drei Nächten sticht mich allerdings der Hafer, Marianne bringt mich zum Trailhead nach Salisbury und ich werde wieder von den Wäldern verschluckt…

Auf dem Trail, aber so richtig… 

Ich laufe über die Geröllfelder Connecticuts stetig nach Norden, dem Herbst entgegen. Noch Ist es so heiss dass ich wieder einmal innerhalb von Minuten schweissgetrånkt bin. Weder alpines Klettern noch europäisches Wandern ist hiermit vergleichbar, der Trail ist zwar vorgegeben und ziemlich vorbildlich markiert, es geht jedoch buchstäblich Licht über Stock und Stein, absolut kein Vergleich zu den schön platt getretenen Wanderwegen in Europa, das ist schon eher wie eine Alpenpass-überquerung anno dazumal, mit dem Unterschied dass Hannibals Elefanten hier ganz schöne Probleme hätten sich durch den Bäumen durchzuquetschen. 

Niemals hätte ich gedacht dass Wanderstöcke so nützlich sein würden – mein Rucksackgewicht ist mit ca. 15kg, inkl. 3 Litern Wasser und Essen für 3 Tage zwar noch gut im Rahmen, bei diesem steinigen Terrain bergauf & bergab ist es jedoch einigermaßen schwierig die Balance mit diesem Gewicht auf dem Rücken zu halten, ich bedauere jedes Gramm zuviel. 

Nicht dass ich Ahnung vom Eisklettern hätte, aber technisch gesehen drängen sich mir einige Parallelen auf – wo setze ich meinen Stock hin dass er nicht a rutscht, wie setze ich meinen Fuss nach, und wohin? Teilweise ramme ich meine Stöcke regelrecht in den Boden um festen Halt zu haben. Die Anforderung an die stetige Konzentration ist enorm, fürs erste komme ich kaum dazu über irgend etwas nachzudenken, geschweige denn eine veritable Geschwindigkeit aufzunehmen. 

So laufe ich denn meiner ersten Nacht in einem richtigen echten Shelter entgegen. Dort angekommen finden sich noch einige andere Nobos ein, die sich etwas irritiert über meine Experimente mit meinem Kocher zeigen, der nach dem nächsten Reinigungsversuch dann auch tatsächlich, aufgelöst in seine Einzelteile, schließlich das Zeitliche segnet… Also, eins kann ich euch flüstern, ich finde es verdammt unverschämt einen Kocher für 20€ zu verkaufen, der lediglich aus dem Unterteil einer blöden Cola-Dose besteht, und diesen dann derart labil zu gestalten – wäre ich mal beim Trangia geblieben oder hätte meinen Soto mitgenommen… Nu ja, ich hatte nun mal keine Zeit alles auf Herz & Nieren zu testen, ein weiterer Fehler der mir nicht noch einmal passiert. 

Freundlicherweise helfen mir meine Mitwanderer mit einem geliehenen Kocher aus, so komme ich doch noch zu einem warmen Essen und krabbel wenig später in mein Zelt und meinen kuscheligen Schlafsack, na dann gute Nacht… 

Cornwall Bridge

20.8.: Ich raffe mich als letzter unserer Truppe aus meinem gemütlichen Schlafsack auf und brauche erst mal eine Weile um wach zu werden, während ich den anderen beim Packen zuschaue –  eine Prozedur, die ebenso zeitaufwendig wie nervig für mich ist und die mich auch nach Wochen noch die meiste Zeit kosten wird; hier kann ich nun mal nicht einfach meine Klamotten über die Stuhllehne schmeißen und am nächsten Morgen aufstehen und mein Bett einfach im Zimmer stehen lassen… 

Ich lasse mir also Zeit und mache mich nochmal auf ins nahe Kent um erstmal einen Kaffee zu trinken. Der Laden namens „Berkshire Outfitters“ ist irgendwas zwischen Eisdiele, Snackbar und Touri-Shop mit einem zwar begrenzten aber immerhin vorhandenem Angebot an Outdoor-gadgets. Das interessanteste was mir auffällt ist ein Buch mit dem Titel „how to shit in the woods“, und ich denke mir wieder mal dass man tatsächlich aus Sch… Geld machen kann, wenn man es nur richtig anstellt – immerhin hat es die Autorin fertig gebracht knapp 90 Seiten einzig mit dem Thema zu füllen, wie man in der freien Natur defäziert; nicht ganz mein Geschmack, schließlich habe ich zumindest darin Übung, aber jedem Tierchen sein Pläsierchen. 

Zu meinem Kaffee versuche ich noch einen Snack zu genießen, einen Toast, der mit irgendwas undefinierbarem belegt und hoffnungslos überteuert ist, aber dass in den USA von Esskultur keine Rede sein kann werde ich erst feststellen, nachdem ich noch ein paarmal auf diverse –  vermeintliche – Verlockungen hereingefallen bin. 

Ich lasse mir Zeit, statte mich noch mit Proviant aus und mache mich eigentlich viel zu spät wieder auf den Weg; auch die Planung, wieviel Zeit ich bis zu welchem Shelter brauche wird mich noch eine Weile beschäftigen. 

Im Grunde habe ich dasselbe Spiel wie am Vortag, denn nachdem ich den ganzen Tag über steile Abhänge und Geröllfelder (ja, das ist tatsächlich der einzig richtige Ausdruck) geklettert bin, frage ich an der nächsten Straße nochmals nach, wo ich mich gerade befinde –  denn den eigentlichen Trailführer werde ich erst später auftreiben, fürs Erste bin ich ein wenig planlos ohne Karten bzw. das offizielle AT-Büchlein (Awol) unterwegs. 

Der Mensch der mir aus seinem Pick-up-Truck den Weg erklärt meint jedenfalls ich sei immer noch in Kent, und auch heute werde ich es nicht mehr vor Sonnenuntergang zum nächsten Shelter schaffen, vor allem da ich immer noch keine Ahnung habe wie ich meine Lauf-Geschwindigkeit einschätzen kann. 

Jim, der Fahrer, erklärt sich bereit, in der umgekehrten Richtung seines ursprünglichen Zieles einen „kleinen“ Umweg von gefühlt 15 Meilen zu machen und mich in Cornwall Bridge rauszulassen. Ich klettere auf die Ladefläche des für meine europäische Begriffe riesigen Pick-Ups (der Truck ist bereits vom Jims Frau, Jim Junior sowie dessen Freundin besetzt),  lasse mein schweissdurchtränktes T-Shirt und Haare trocknen und die Landschaft in atemberaubendem Tempo an mir vorbeiziehen. 

Ursprünglich bin ich ja hierhergekommen um den AT zu wandern, aber warum sollte ich die kleinen Geschenke des Universums nicht annehmen? Ich liebe diese Erfahrung aus dem Alltag herauszutreten und zu sehen was passiert, wie ich buchstäblich im richtigen Augenblick genau das präsentiert bekomme was ich gerade benötige, wenn mich nichts anderes vom Wesentlichen ablenkt. Ausserdem liegt es mir nicht im Hotel am Pool zu liegen und mich zu langweilen, ebenso wenig wie mir daran gelegen ist irgendeine Auflage zu erüllen, sprich den Trail nur um seiner selbst willen zu laufen. Ich will herumreisen, Erfahrungen machen, Land und Leute kennenlernen, Stereotypes Denken überwinden, meinen Horizont erweitern und mich weiterentwickeln.

Familie Jim lässt mich direkt an der Cornwall Bridge raus, Wasser bekomme ich an der Tankstelle auf der einen Seite der Straße und finde einen Picknickplatz am Fluss, der sich hervorragend eignet um dort mein Vamp aufzuschlagen. Dort laufe ich einem schottischen Pärchen über den Weg, die gerade dabei sind ihr Barbecue (einfaches Grillen kann man das wirklich nicht nennen) zu beenden, das buchstäblich aus Unmengen von Fleisch besteht. Prompt laden Sie mich ein ihre Reste zu verspeisen – ich habe irgendwie Urlaub von allem, also sehe ich darüber hinweg dass das Hühnchen und die Grillsauce vermutlich vollgepumpt sind mit Antibiotika, genmanipuliertem Maissirup und Konservierungsstoffen. Was solls, bei täglicher Anstrengung nehme ich was ich kriegen kann und spare mir die Zeit zu kochen. 

Allerdings ist gegrilltes Hühnchen bestimmt auch für alle möglichen Tierchen verlockend, was vor allem 2 Dinge zur Folge hat: mich bemerkbar zu machen und meinen Bear-Bag aufzuhängen. Letzteres versuche ich zuerst mit der sog. Pct-Methode, einer Art Seilzug, bei welcher ein Stöckchen verhindert dass die Schnur durch den Karabiner rutscht und das Ende des Seiles lose hängt. Die Bären sind nämlich schlau genug, das Seil zu durchtrennen, wenn man dieses einfach nur am Baum fest bindet. 
Allerdings verheddert sich das Säckchen, in welchem mein Schweizer Werkzeugkasten als Wurfgewicht steckt, im Baum und ist nicht mehr runterzukriegen. Jetzt muss ich also erfinderisch sein: der einzige Stock den ich auftreiben kann ist zu kurz um an den Ast zu reichen – mit dem Panzertape, das ich wohlweislich um meinen Trekkingstock gewickelt habe, klebe ich Stock und Ast zusammen und pfriemel das Säckchen inkl. Messer aus dem Baum. Mein Messer als Gewicht zu nutzen wird mir kein zweites Mal passieren, Stock und Stein sind von nun an die Mittel der Wahl. 

Nach diesem nicht allzu kurzen Zwischenspiel lenkt mich nun wieder nichts mehr von meiner Bearanoia ab, händeklatschend und den Waldrand ableuchtend erkläre ich der Nacht ca. 15min lang dass ich für diese Nacht hier bin und dass das heute mein Platz ist –  this is my space so fuck off. com… 🙂 Dies werde ich auch später noch wiederholt tun, z. B.wenn ich aus mein Zelt krabbele, um rund um mein Camp mein Revier zu markieren. Ein nächtlicher Regenschauer hält mich noch eine Zeitlang wach, das einzige Geräusch ist der Regen der gegen meine Zeltwand trommelt, gemütlich, beängstigend und einschläfernd zugleich – ich lausche dem Schauer und dämmere langsam weg, dem Traumland entgegen… 

KENT, CT

Nachdem ich den ganzen Tag gelaufen bin, offensichtlich langsamer als ich allerdings geschätzt habe, stolpere ich aus dem Wald auf eine Straße und frage bei einem Haus nach dem Weg- sch…,wollt ihr mich verarschen, da laufe ich von 11 bis 17h und bin immer noch in f…ing Wingdale?!? Was solls, ich laufe bis zur nächsten Straße und bekomme eine Fahrt nach Kent angeboten, von einer Frau die gerade „Trail Magic“ zaubert,  sprich Futter für den Hund eines Freundes hinterlegt. 

Da ich mir noch relativ unsicher bin, was einerseits die Entfernungen richtig einzuschätzen angeht, andererseits auch nicht irgendwo in der Nacht durch den Wald stolpern will und mit der Umgebung noch nicht vertraut bin, nehme ich die Fahrt dankend an. 

In Kent ist absolut kein Schlafplatz mehr zu bekommen, dafür treffe ich vor einem Laden die ersten Nobos (yeah, finally…), spiele eine Runde Siedler von Katan und hänge mich einfach an ein paar Hiker dran; „Merlin“, der mit seinem „Food-Bag“ im Zelt schläft (jedem das seine, ich finde das ziemlich bescheuert…), „Pinky“ & „Brain“. Daraus entsteht dann die erste Nacht Wildcampen, wir sind zu müde um noch die letzte Meile zum Shelter zu laufen und machen uns auf einem Seitenwechsel im Wald breit.

Als Betthupferl zaubert die junge Dame namens Brain eine Flasche Jack Daniels hervor und fertig ist die Feierabendrunde,  inklusive einiger Lektionen in dt.Sprache für Brain und wie man auf dem Trail mit Bären umgeht für mich. Ausser den „Pärchengeräuschen“ von Pinky & Brain aus dem Zelt direkt nebenan werde ich heute aber nichts mehr mitkriegen. 

Wingdale, shadiest Motel ever… 

In Wingdale, NY angekommen suche ich mir nach den letzten 3 Nächten Wildcampen erstmal ein Motel, das „Dutchess“ scheint als einziges verfügbar zu sein – der Besitzer erscheint mir auf Anhieb seltsam („hey, ich arbeite hart um die Zimmer sauber zu halten, die Wanderer machen mir meine Zimmer kaputt, verspricht du mir das Zimmer sauber zu halten… „)  Aber ich brauche gerade das Bett, hätte ich allerdings vorher gewusst was auf mich zukommt, ich hätte eine andere Möglichkeit gesucht. 

Zuerst will der Typ 80D die Nacht, dann handle ich ihn auf 50 runter- Cash, ohne Steuer… Habe ich nicht mehr, also auf ins naheliegende „Deli“ (warum auch immer die das hier so nennen, delikat ist anders) mit einem Geldautomaten. Auf dem Weg dorthin komme ich an einem Pizza-laden vorbei (ja, auch hier kann man nicht von einer Pizzeria sprechen), und ich frage nach einer billigeren Unterkunft. Als ich dem Pizzabäcker von dem Motel bzw. dem Preis erzähle (Really? This place is a shithole… „) ruft er einige Motels in der Umgebung an, leider sind alle teurer – das endet nun allerdings damit dass er mir eine Margherita (was hier keineswegs die übliche Form einer Pizza „ohne alles“ darstellt) zum halben Preis macht und später staunt dass ich sie ganz esse… Auch er hat übrigens deutsche Wurzeln… 

Zurück im Motel kann ich den Besitzer dann nochmal auf 40D runterhandeln, schließlich spart er die Steuer. 

Wenig später frage ich mich jedoch ganz ernsthaft, wann dieser seltsame Geizgeier das letzte Mal seine Badezimmer geputzt hat – die Dusche starrt vor Dreck, in der Kloschüssel klebt undefinierbares, das Waschbecken ist zur Hälfte mit einem Eimer abgestandenen Spülwassers belegt, vom Spülschwamm gar nicht zu reden. Leider sehe ich mir das Zimmer dann erst genauer an als ich um 01h ins Bett gehen will, als ich dann auch keinen Nerv mehr habe mich deswegen mit dem Typ auseinanderzusetzen – die Möbel staubig,  der Kühlschrank stinkt und läuft aus, das Polster des Sessel zerschnitten, und das Bett… Ist übersät mit Haaren und Flecken, insbesondere das Kopfkissen ist hervorragend widerlich – ich nutze also nur meinen üblichen Klamotten-packsack und mein Schlafsack-inlet… Um dem ganzen die Krone aufzusetzen, sieht der Flur mit seinem rot strahlenden „Exit“-Zeichen aus wie aus Resident Evil (einem PS-Spiel der ersten Generation) und weil ich befürchte nachts Zombies ausgeliefert zu sein verbarrikadiere ich mich in meiner Abstellkammer…  

In der Hoffnung im Nachhinein noch ein paar Dollar zurückzubekommen versuche ich den Besitzer nochmal anzusprechen. Schnell stellt sich allerdings heraus dass mit dem Typ einfach nicht zu reden ist, scheint ein dünnes Fell zu haben, eventuell weiß er auch einfach nur zu gut was er da treibt und geht deshalb sofort in Abwehrhaltung: „Tja, warum hast du dir das Zimmer nicht vorher angeschaut, du verschwindest jetzt besser, du machst mich sauer, Leute wie du usw…“ Ich sage ihm, dass er es dann wohl lieber auf die harte Tour lernen will, frei nach dem Motto „egal ob du an Karma glaubst oder nicht, einholen wird es dich so oder so…“, und ziehe kopfschüttelnd meines Weges. Auf nach Kent… 

Tag 3 Der Start

16.8.; Nach einer zwar ruhigen, aber von meiner Bearanoia immer wieder unterbrochenen Nacht mache ich mich auf in Richtung AT. Nachdem ich nochmals die bereits verspeisen Vorräte aufgefüllt habe, frage ich einen mir aufgrund seines Leibesumfanges typisch amerikanisch scheinenden Mannes nach dem Weg, wir kommen ins Gespräch- er erzählt mir von seinen deutschen Wurzeln und bietet mir einen „Ride“ zum Trail an-ganz klar dass ich die Gelegenheit ergreifen und ihm vom Konzept der Synchronizität erzähle, Spread the Word!! 

Am sog. Trailhead treffe ich auf die ersten Wanderer (Southbounder, „Sobos“) und bin kurz darauf auf dem Weg über sonnenbeschienene Wiesen. 

Nach ca. einer halben Stunde jedoch stehe ich an einer Kreuzung wie der Ochse vor dem Berg, offenbar eine typische Anfängersituation-die offizielle Karte vor mir zeigt gar keine Richtung an, mein Kompass erzählt etwas anderes als meine GPS-Karte. Also auf in die gedachte Richtung nach Norden, um kurze Zeit darauf wieder auf der Straße nach Pawling zu landen. 

An einem Haus an der Straße frage ich wieder nach dem Weg und erlebe zum ersten Mal wie unglaublich gastfreundlich und hilfsbereit die Amis sein können-es ist eine kleine Familie die mir Wasser geben und Google Maps für mich konsultieren, kurze Zeit darauf bin ich also wieder auf dem Weg zurück zur Kreuzung und diesmal in der richtigen Richtung auf dem AT. Um ca. 18h erreiche ich nach 7 Meilen Wingdale (hey, das sind immerhin um die 12km ohne vorheriges Wandertraining, auch wenn konstanten Radfahrer sicherlich hilfreich war, aber an das Gewicht auf meinem Rücken werde ich mich erst in ca. 3 Wochen gewöhnt haben…)
  

Pawling, Tag 2, Montag 

Nach einer ausreichend langen Nacht mache ich mal wieder recht spät auf in Richtung Dusche & Toilette an einem weiter außerhalb gelegenen See & Versammlungshaus, um meine Hosen von den Tomatensossenflecken zu befreien, die ich in der Hast der Abreise in Lees Apartment über mich geschüttet habe, Dr. Brenners Magic Soap erledigt ihren Job – während ich meine Wäsche in meinem Packsack wasche fühle ich mich schon wesentlich mehr nach Outdoor &  Abenteurer. Dann auf zur Post, um einige Überflüssigkeiten loszuwerden – ein Woll-Shirt, Zeltheringe, Chlortabletten und vor allem das Zelt. Mein erster „Mail-drop“, Yeah! Immer noch finde ich meinen Rucksack aber zu schwer… 

Dann suche ich mir einmal mehr einen Kaffee, schnorre einige Ziplocs, Zimt & Zucker für das nunmehr nicht mehr ganz so fade Müsli und weiter geht’s auf der Suche nach geeignetem Brennstoff für meinen Dosenkocher. 

Allerdings finde ich keinen „denatured alcohol“, sondern nur Feuerzeug-Benzin, ein ganz blöder Kauf-erstens ist die Flasche viel zu gross, zweitens will der Kocher am Abend erst gar nicht anspringen und entfacht dann ein wahres Freudenfeuer, kurz bevor es wieder verlischt, und drittens ist mein Topf hinterher derart verrußt, dass er noch Tage später Schwamm und Wischlappen versaut… 

In der lokalen CWS-Pharmacy (sowohl Apotheke als auch Kiosk für alles mögliche) versorgen ich mich wieder mit Müsliriegeln, einem Akkupack (das von den angegebenen 5200 mAh aber nur 80% meines 2300 mAh Smartphone-Akus lädt) und einem neuen Doppelladestecker, der meinen derzeitigen Weltreisestecker ersetzt (dessen 900 mah-Akku, welcher als Notreserve gedacht war, sowieso schonmal gar nix tut). Allerdings hat der neue Ladestecker zwar angeblich einen 2,1A-Ausgang, um mein Smartphone schneller zu laden, jedoch scheint auch der nicht zu funktionieren wie er soll, es dauert immer noch fast 4h um zu laden – offenbar bekommt man für billig genausowenig Qualität wie in Deutschland, also zurück von „wer-billig-kauft-zahlt-zweimal“ zu „lieber-ein-wenig-mehr“… 

Es ist spät geworden, ich beschließe die Nacht nochmals am See zu verbringen und am nächsten Tag zu starten. Dort hatten die Moskitos offenbar länger keine Opfer mehr, auch das abenteuerliche erste Freudenfeuer meines Dosenkochers hilft nichts, aber zumindest lenkt es mich von diesen fiesen kleinen Stechbiestern ab…

Dover Gloves / Pawling, NY

Abends mit dem Zug raus aus New York und endlich auf dem Weg zum AT. Leider verpasse ich den Ausstieg und lande in Dover Gloves im amerikanischen Hinterland-es regnet, ich bin müde und es ist um 12pm zu spät um mir noch eine Unterkunft zu suchen, also Stealth Camping im Garten der „Kirche des Schreins des Lebens“, was auch immer das sein soll… Mitten in der Nacht werde ich von von dem Asthmatisch klingenden Schrei eines Fuchses geweckt, und es wird auch noch ein Weilchen dauern bis meine „Bearanoia“ nachlässt und ich in meinen gewohnten Outdoor-state finde. Am nächsten Morgen muss alles erst einmal Schritt für Schritt gehen – Kaffee, Snacks, Paket and, etc. Das „Deli“ das ich am Bahnhof auftreibe ist in diesem Städtchen ein einziges Klischee, geführt von einer Latina, welche kaum etwas von dem was ich ihr zu vermitteln suche versteht,  und ein bunter Mix von Gästen verschiedenster Nationalität, die mich anstarren wie ein Legal Alien 🙂 

Ich bekomme zumindest meinen Kaffee, einen Toilettengang, ausreichend Wasser und besorge einige überteuerte Kleinigkeiten, z. B. einen Schwamm und einen Kocher-Windschutz, den ich mir später aus einer Alu-Truthahn-Grillschale zurechtschneide, ein Hoch auf meinen Schweizer Werkzeugkasten… 

Während ich also damit beschäftigt bin und auf den Zug warte erfahre ich zum ersten Mal was es mit „Trail Magic“ auf sich hat-erst bekomme ich Wasser von 2 alten Ladies, die zuerst besorgt nachfragen was ich auf dem Ihnen anvertrauten Grundstück tue, nachdem aber klar ist dass ich den AT laufe sehr hilfsbereit werden. Eine 1/2h später bekomme ich eine Fahrt nach Pawling von einem netten Typ meines Alters angeboten, der anscheinend ein MMA-Kämpfer ist, aber kaum wie einer aussieht. Während der Fahrt schnacken wir über Politik, den aktuellen Stand zwischen Trump& Clinton, die Flüchtlingssituation in Deutschland und unsere gemeinsame Leidenschaft, Martial Arts und deren Philosophie. 

In Pawling ist die erste Station ein sehr amerikanischer IrishPub um meine Geräte aufzuladen – die Barkeeperin ist dunkelhäutig und trägt Leggins, welche durchsichtig genug sind um ihren Tanga durchblitzen zu lassen, das Klientel besteht aus 2 Mexikanern und 1 Schwarzen mit einer Pferderanch, zu Essen gibt es hauptsächlich French Fries und irgendetwas Unbekanntes mit Fleisch-für mich, der ich mich hauptsächlich Bio und vegetarisch ernähre ist das eher gewöhnungsbedürftig. Aber was solls, ich schaufel Kalorien in Form von Pommes in mich hinein und bin nach dem 2.Bier betrunken, aber es ist schließlich Sonntag und ich warte nur darauf dass ich morgen mein Paket und zusätzliches Gewicht loswerde… 

Nach diesem Einblick in die amerikanische Barkultur-wenn man hier von Kultur sprechen will- suche ich mir einen Schlafplatz am See bzw. dem hiesigen Vergnügungspark. Meine Bearanoia packt mich und ich verbringe fast eine Stunde damit nach einer Möglichkeit zu suchen meinen Foodbag  zu verstauen, was damit endet dass ich ihn im Gebüsch verstauen damit Mensch ihn mir nicht klaut und ich mein Kochgeschirr darauf staple auf dass Bär sich erschreckt wenn er daran schnuppern sollte. Danach versuche ich mein neues Nichts von einem Ultra-Leicht-Ein-Mann-Zelt (Bin Agnes Copper Spur)  aufzubauen –  der Boden ist so dünn dass ich durchsehen kann, der Raum begrenzt und das Außenzelt scheint auch nicht sonderlich widerstandsfähig, außerdem fehlen 2 Heringe – aber nachdem eine der Zeltstangen aus der Halterung floppt und mir die Lippe blutig schlägt, ist das Thema Ultraleicht-Zelt gegessen… Ich bin so sauer dass ich fortan mein Nallo 2 mitschleppe und das BigAgnes postwendend zurückschicke, bzw. zu meinem Onkel nach Toronto, Kanada,  was mich geschlagene 51dollar kostet (später erfahre ich dass die Kanadier nochmal 50 Dollar Zoll verlangt haben, ein teurer Spaß…)… 

Ankunft in New York

Nachdem ich buchstäblich in letzter Minute noch die letzten Dinge vor meinem Abflug geregelt habe (wie z.B. Panzertape um meinen Treckingstock zu wickeln), ging es schliesslich nach einer schlaflosen Nacht nach Basel zum Flughafen, von dort aus nach London Heathrow und dann mit Virgin Airlines (was für ein Fimenname!) nach NY JFK – den Flug selbst habe ich die meiste Zeit verschlafen, das Essen war wie gewohnt übel, die Stewardessen waren auf das heftigste geschminkt und sahen aus wie lebende Puppen in ihren weissroten Kostümen.

In JFK war dann schliesslich der ganze Wahnsinn der amerikanischen Paranoia zu spüren, alles wurde dreimal durchgecheckt, Fingerabdrücke genommen, Ziele und Vorhaben abgefragt, und das alles auf aeußerst unhöfliche Art und Weise, was allerdings im System so vorgesehen schien – jeder Flughafenmitarbeiter der etwas zu sagen hatte hat dies auch bis aufs letzte ausgenutzt und die Ankömmlinge buchstäblich spüren lassen, dass man nicht unbedingt willkommen ist.

Also erst einmal raus aus dem Terminal und rein in die größte Hitzewelle dort seit Jahren. Zuerst habe ich weder eine Ahnung wo ich schlafen werde, noch wo es als erstes hingehen soll, bis über das Flughafen-Netz (was allerdings auf eine 1/2h begrenzt ist) die Nachricht meiner Freundin kommt, dass Sie über ihre Halbschwester einen Platz für mich organisiert hat.

Also rein in den Zug an der Jamaica Station und erste Station Manhattan, etwas zu trinken und zu essen holen und einen AT&T-Shop suchen – der Besitzer („Manager“) ist zwar nett und hilfsbereit, jedoch fühle ich mich hinterher irgendwie übers Ohr gehauen – 15$ für die Aktivierung der Karte? Und keine PIN dazu? Nun ja, zumindest kann ich jetzt telefonieren, bis ich die richtige Ländervorwahl herausfinde dauert es allerdings nochmal eine Weile.

Und dann? NY scheint den ganzen Wahnsinn der westlichen Welt in einer einzigen Strasse zu versammeln und ist einfach lächerlich teuer – ein Stück Pizza für 5$? Zuhause zahle ich für eine Original italienische Pizza 7 Euro. Aber erstmal finde ich einen ruhigen Platz zum Telefonieren und warte auf den Rückruf von Lee, der in Uptown Manhattan nicht weit vom Broadway wohnt. Lee ist ein mehr oder weniger klassischer Amerikaner und Hairdresser, dessen Küchenausstattung sich auf einen kleinen Topf und eine Bratpfanne begrenzt und ansonsten von Protein-Pulver zum Muskelaufbau zu leben scheint; die Zeitschrift auf seinem Wohnzimmertisch nennt sich „Meaty-Muscles“ und so langsam bekomme ich den Eindruck dass er vom anderen Ufer sein könnte. Aber er erweist sich als ein sehr netter und gastfreundlicher Mensch der mich für zwei Tage umsonst bei sich wohnen lässt, also was will ich mehr!

New York ist heiss, laut, dreckig und chaotisch, und weil Lee offenbar Samstags eine Privat-Orgie plant(„we’ll be running around drunk & naked“) fahre ich am dritten Tag per Zug weiter. Vorher noch bei R. E. I. vorbei um mir ein leichteres Zelt als mein 2, 4 kg Hilleberg zu holen, nur leider hat die Post schon geschlossen – weil Samstag – und die nächsten 3 Tage bin ich mit 3kg zusätzlich unterwegs… 

Der Hintergrund des Ganzen

Das ist einfach: ich laufe den Appalachian Trail – nicht die gesamte Strecke, weil ich nur ca. 1 1|2 Monate Zeit habe, und auch nicht rigoros jeden Tag 24|7, schliesslich soll es ja auch so etwas wie Urlaub sein. Weder zähle ich gelaufene Meilen noch Schritte, und wenn es mir danach ist, trampe ich auch mal ein Stückchen… Während meines Studiums, vor 2 1|2 Jahren kam die Frage auf, was ich wohl hinterher tun werde? Eine Dokumentation von 3Sat über den A.T. pflanzte mir diese Vision ein, ich fing an mich darauf vorzubereiten und meine Ausrüstung entsprechend abzustimmen – Rucksack, Schlafsack und Isomatte musste leichter werden, die richtige Kleidung angepasst, ein neuer kleiner Kocher usw..

Und jetzt bin ich hier, im amerikanischen Hinterland, immer noch mit zuviel auf dem Rücken und von der mitgebrachten Technik völlig überfordert 🙂

Aber das Materielle ist ja bekanntlich nicht alles, das zweite Hintergrundprojekt das ich hiermit verfolge, ist nicht allein die Erfahrung des Reisens, sondern vor allem auch die Erfahrung, wie das Universum für mich arbeitet und wie ich von einem Erlebnis zum nächsten geführt werde. Diese – ich nenne das jetzt einfach mal so – spirituelle Mini-Studie funktioniert folgendermassen: für alles Gute und Positive das mir widerfährt, gibt es „Karmapunkte“ (Kp), für alles Negative „Karmaminus“ (Km). Allerdings soll es auch keine reine Aufrechnung von Gut gegen schlecht werden – das würde so wohl auch kaum funktionieren, schliesslich lernt man aus den negativen Erfahrungen das Meiste, und der tiefere Sinn ergibt sich Vl.. auch erst Jahre später. Aber ich halte es doch für eine gute Idee, dies einmal auf einer ganz rudimentären Ebene festzuhalten, wie der Austausch mit dem Universum stattfindet.

Natürlich berichte ich auch laufend über die aktuellen Neuigkeiten, ganz im Sinne eines klassischen Reiseberichts, und schon allein um die Leute zuhause auf dem Laufenden zu halten, werde jedoch den jeweiligen Erfahrungen entsprechend den „Karmareport“ hinzufügen.

Nach dieser winzigen Einführung in meine Hintergrundgedanken wünsche ich dem werten Leser viel Freude beim Schmökern…